Ausgabe #20: Mindset & Nervensystem
Hallo,
letzte Woche habe ich dir versprochen, dass wir uns ansehen, welche Rolle dein Nervensystem dabei spielt, wie stark du Schmerz überhaupt empfindest. Das ist für mich eines der wichtigsten Themen überhaupt, weil es erklärt, warum zwei Menschen mit demselben Befund völlig unterschiedlich viel spüren.
Schmerz ist kein Messwert, sondern eine Entscheidung deines Körpers
Die meisten von uns haben gelernt: viel Schaden gleich viel Schmerz, wenig Schaden gleich wenig Schmerz. So einfach ist es nicht. Schmerz entsteht nicht im Gewebe, sondern in deinem Nervensystem. Dein Körper sammelt Informationen aus Muskeln, Gelenken und Haut, verrechnet sie mit allem anderen, was er über deine Lage weiß, und entscheidet dann, ob und wie laut er warnt.
Genau deshalb gibt es Menschen mit deutlichen Bildbefunden, die völlig beschwerdefrei sind, und Menschen mit unauffälligem MRT, die seit Jahren kaum schlafen können. Der Unterschied liegt selten im Bild. Er liegt darin, wie empfindlich das Warnsystem eingestellt ist.
Wenn dieses System über Monate im Schutzmodus bleibt, verändert es seine Einstellung. Fachleute nennen das zentrale Sensibilisierung, und in einfachen Worten heißt es: Die Reizschwelle sinkt. Bewegungen, die früher normal waren, lösen jetzt eine Warnung aus. Dein Körper ist deswegen nicht kaputt. Er ist übervorsichtig geworden, weil er über lange Zeit gelernt hat, dass Vorsicht angebracht ist.
Was Stress damit zu tun hat
Dein Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen körperlicher und psychischer Belastung. Eine schwierige Woche im Job, zu wenig Schlaf, finanzieller Druck oder Sorgen in der Familie landen im selben System, das auch über deinen Schmerz entscheidet. Deshalb spürst du an stressigen Tagen oft mehr, ohne dass sich an deinem Rücken, deiner Hüfte oder deiner Schulter irgendetwas verändert hätte.
Das ist keine Einbildung und schon gar nicht Schwäche. Es ist Biologie. Ein hochgefahrenes System reagiert schneller, und Schmerz ist die schnellste Warnung, die dein Körper kennt.
Die gute Nachricht steckt in derselben Logik: Was sich einstellen lässt, lässt sich auch wieder umstellen. Über regelmäßige, dosierte Belastung, über Erfolgserlebnisse in Bewegung und über ein System, das deinem Körper nach und nach zeigt, dass Belastung sicher ist.
Ehrlich bleibe ich trotzdem: Wenn dein Schmerz plötzlich neu auftritt, mit Taubheit, Kraftverlust, Fieber oder unerklärlichem Gewichtsverlust einhergeht, gehört das ärztlich abgeklärt. Ich bin Coach und Schmerzexperte, kein Arzt, und ich stelle keine Diagnosen.
Deine Übung für diese Woche: Das Nervensystem herunterregeln
Diese Übung dauert vier Minuten und du machst sie idealerweise abends, bevor dein Kopf zur Ruhe kommen soll.
- Leg dich auf den Rücken, Knie angewinkelt, Füße flach am Boden. Eine Hand auf den Brustkorb, eine auf den Bauch.
- Atme vier Sekunden durch die Nase ein. Es soll sich nur die Hand am Bauch heben, die am Brustkorb möglichst ruhig bleiben.
- Atme dann sechs bis acht Sekunden langsam durch den leicht geöffneten Mund aus, als würdest du eine Kerze am Leben halten, nicht ausblasen.
- Mach das zehn Atemzüge lang. Danach liegst du noch dreißig Sekunden still und beobachtest nur, wie sich dein Körper anfühlt.
Der entscheidende Teil ist die verlängerte Ausatmung. Sie ist der direkteste Hebel, den du hast, um deinem Körper zu signalisieren, dass gerade keine Gefahr besteht. Mach das sieben Abende hintereinander, nicht einmal. Ein Nervensystem, das sich über Monate hochgefahren hat, ändert seine Einstellung nicht an einem Abend.
Video der Woche
Dein Körper ist nicht kaputt (die Wahrheit über chronische Schmerzen)
In diesem Video gehe ich genau auf das ein, was du oben gelesen hast: warum dein Nervensystem im Schutzmodus festhängt, was zentrale Sensibilisierung wirklich bedeutet und welche drei Bausteine dein Körper braucht, damit Schmerz nicht chronisch bleibt. Es ist das passendste Video, das ich zu diesem Thema habe, deshalb hole ich es bewusst noch einmal hervor, falls du es im Sommer verpasst hast.
Nächste Woche geht es um deinen unteren Rücken und deine Hüfte und um die Frage, warum diese beiden Bereiche fast nie getrennt voneinander Probleme machen.
Bis dann, Tim Medwed Schmerzexperte & Online Coach
Wenn du merkst, dass deine Beschwerden mit deinem Stresslevel schwanken, dann brauchst du keine weitere Behandlung, die nur am Gewebe ansetzt. Du brauchst einen Aufbau, der Belastbarkeit und Alltag zusammendenkt. Genau das machen wir im Coaching.
P.S. Eine Frage an dich: Wann hast du zuletzt bewusst gemerkt, dass dein Schmerz an einem ruhigen Tag leiser war als an einem hektischen? Antworte mir einfach auf diese Mail. Ich lese jede Antwort selbst.

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